Leseprobe Funzelsuppe


Vor Kriegsende in Berlin

Nacht für Nacht hatten wir Fliegeralarm. Wir zogen schon keinen Schlafanzug mehr an. Blieben in Unterwäsche, damit wir schneller mit dem Anziehen waren, wenn wieder die Sirenen losgingen. Es war schrecklich, immer so aus dem Schlaf gerissen zu werden. Dann der Griff zu den Koffern und ab ging es in den Luftschutzkeller. Alles war schon ein automatischer Ablauf.

Wieder lief ich ein paarmal die Treppen rauf und runter und schleppte Koffer für ältere Mitbewohner. Das war anstrengend und ich musste alle Kräfte mobilisieren, um einige Koffer zu tragen. Es waren die Koffer der Frauen, die leichter waren. Außerdem waren die Frauen großzügiger mit den Groschen für das Tragen, als die Männer. Es waren ohnehin nur ältere und kränkliche Männer in der Heimat. Die Jungen und Gesunden waren im Krieg. So ging es Nacht für Nacht. Aber dann kam der 3. Februar 1945. Viel wurde schon über Dresden geschrieben, das 10 Tage später in Schutt und Asche gelegt wurde. Wo es über 30.000 Tote gab. Aber wer schrieb bisher über den 3. Februar 1945 in Berlin?

 


Sängerknabe

Stille,... "Oh Gott das war ja wohl nichts, - oder?" Gerhard Hellwig stand auf, kam auf mich zu und umarmte mich. Dich muss ich haben sagte er. Aber, ich brauche die Zustimmung deiner Eltern. Ich war angenommen. Als ich auf den Flur kam, standen die restlichen Bewerber mit ihren Müttern und Vätern und applaudierten. Ich wusste kaum, wie mir geschah. Mit Günter war ich also für den 1. Sopran vorgesehen. Aber zunächst mussten wir ein paar Monate in den Nachwuchschor. Dies um Texte zu lernen. Das bisherige Lieder Repertoire kennen zu lernen. Atemgymnastik zu trainieren. Vor allem aber um zu merken das eiserne Disziplin erstes Gebot war. Jeder Einzelne von uns war ein wichtiges Mitglied im Chor. Wir mussten uns alle aufeinander hundertprozentig verlassen können. Alles musste zueinander stimmen. Da konnte keiner so, wie er vielleicht wollte. Nein! Nur der Chor war wichtig. Nur der zählte. Alles andere hatte zurückzustehen.

 

Handwerk hat goldenen Boden, oder zerplatzte Träume

Mit der Lehrstelle war alles klar. War ich glücklich? Nein! Meine Mutter und Oma schon. Der Junge lernt ein Handwerk. Für mich war das alles ein zerplatzter Traum. Alles entsprach nicht meinen Vorstellungen. Meine anfängliche leichte Begeisterung schwand dahin. Der Beginn der Lehre kam unaufhaltsam immer näher. Dann ging es los. Nach der Vorstellung im Büro, durch den Inhaber Herrn Müller, nahm mich der Meister, Herr Schade, unter seine Fittiche. Wir gingen in eine triste Werkstatt. Schränke, Werkzeugbänke, und Maschinen, alles sah alt, vergammelt und primitiv aus. Der Meister stellte mich den Gesellen vor. "Also heute schaust du erst einmal zu", meinte der Meister. Also schaute ich den Gesellen über die Schulter. Das im Stehen. Daneben setzen konnte ich mich nicht, denn es war an keinem Platz ein zweiter Stuhl vorhanden. Was ich sah, nahm ich nicht richtig auf. Meine Gedanken waren ganz woanders. Es war zum Heulen. Es ging mir hundeelend.

 


Hobby Film Club

Da wurde uns zunächst von einer Zeitschrift geholfen. Die „Illustrierte Berliner Zeitung“ brachte im Oktober 1958 einen großen Bericht mit Bildern über unseren Filmclub. Durch diesen Bericht wurde ein Berliner - Redakteur des „Stern“ auf uns aufmerksam. Eines Abends kam Herr Hannes Dahlberg, der Redakteur vom Stern, in unsere Clubräume in die Schwedenstraße 16. Er unterbreitete uns den Vorschlag einen Film in Zusammenarbeit mit dem SFB (Sender Freies Berlin), für das Fernsehen zu drehen. Der Film sollte eine Länge von 45 Minuten haben. Die Clubarbeit sollte gezeigt werden. Diese sinnvolle Freizeitgestaltung. Ein Hobby von jungen Menschen, mit Ausschnitten aus den von uns produzierten Filmen. Ferner sollte das Problem herausgestellt werden, dass wir dringend neue Räumlichkeiten suchten.

 


25 Jahre in der Firma : Jubiläum - Absturz - Neubeginn - Zusammenbruch

Jubiläum. Für heute war feiern angesagt. Äußerst geheimnisvoll baten mich die Novapost Mitarbeiter, ihnen in die Produktionshalle zu folgen. Vielleicht war etwas mit den Technikern in der Produktion geplant. Doch nein, der Marsch ging durch die Halle nach draußen, auf das sich anschließende Freigelände. Alle grinsten, schwiegen und sahen mich an. Was nun? Jetzt standen wir auf der Wiese. Kommt jetzt etwa eine Blaskapelle? So dachte ich. Oder soll mir eins ausgewischt werden. Also ein grausames Spiel würde doch keiner mit mir an diesem Tag abziehen wollen. Ein Motorengeräusch. Was sollte denn das? Kommt da ein Flugzeug? Es war ein Hubschrauber. Schon stand ich in einem Halbkreis der Mitarbeiter und der Hubschrauber flog genau auf mich zu. Im Augenwinkel sah ich die Bürofenster der Personalabteilung. An einem Fenster stand meine Vroni und lächelte verkniffen. So als ob sie ein wenig Angst um mich hätte. Der Hubschrauber war gelandet. Frau Marschall sagte ein paar Worte. Das Motto: "Hoch soll er leben"!


...Siegertreffen. Der Dauerregen passte zu der Stimmung. So setzte ich mich in das Bauernrestaurant, bestellte mir ein großes Bier und schrieb ein Gedicht für die frustrierte Mannschaft. Ohne zu wissen, ob ich es jemals vortragen würde. Zeile für Zeile fand Platz auf Bierdeckel, lose Speisekarten und kleinen Notizblöcken. Dann kam mir die Idee, die Verse mit einem kabarettistischen Vorgeplänkel aus dem Stegreif aufzubereiten. So übte ich vor dem Spiegel im Hotelzimmer mit einem rotem und einem schwarzen Gürtel die Wahl der Worte zum Thema: Den Gürtel enger schnallen! Ob ich damit auftreten würde, sollte der Ablauf des Abends bringen. Das hing von der Stimmung und dem sonstigen Trara ab. Ich war jedenfalls vorbereitet. Wie es so bei einem überschäumenden, albernen, "Bayerischen Abend" ist, es gab Deftiges zu essen und viel Bier. Als die Stimmung einmal etwas am Absinken war, entschloss ich mich spontan, auf die Bühne zu gehen und mein Ding abzuziehen. Das Ich, damit etwas an Stimmung auslösen wollte, war mein Ziel.

Eine Marketingzeitung schrieb einige Wochen später, Verkaufsleiter Krüger betrat ein Minenfeld.
Doch was ich wirklich auslöste, war der helle Wahnsinn. Die Verkaufsmannschaften brüllten vor Lachen. Sie sprangen auf Tische und Stühle. Im Stillen dachte ich, mein Gott was hast Du jetzt angerichtet. Da schaute ich zum neuen Chef und der streckte die Hand mit dem Daumen nach oben. Alles in Ordnung dachte ich, der Neue versteht Spaß.


Der Rausschmiss... "Bleiben Sie gleich an der Tür stehen!" So fing er an. „Wir hatten eine Absprache. Sie haben sich nicht daran gehalten. Sie sind fristlos gefeuert. Innerhalb von 15 Minuten verlassen Sie die Firma. Alles Weitere kommt schriftlich!“ Ich holte Luft. "Gehen Sie, es gibt nichts zu reden!" So schnitt er mir gleich jedes Wort ab. Nach 25 Jahren wurde ich wie ein räudiger Hund vom Hof gejagt. Hatte nichts verbrochen. Habe eine Gesellschaft zeitkritisch, kabarettistisch unterhalten. Spaß gemacht. Aber den empfindlichen Nerv des Chefs getroffen.


Älter werden

Es ist genug von meinem Leben durch das Sieb gedrückt worden. Nicht alles ging durch, so manches ist hängen geblieben. So auch Menschen, die durch Begegnungen in mein Bewusstsein gedrungen sind, hier aber nicht erwähnt wurden. Sie sollen nicht verärgert sein. So zum Beispiel aus dem Kreis der Veteranen meiner beruflichen Tätigkeiten. Vielleicht tauchen sie doch einmal in einer meiner Geschichten auf. Denn ich will weiter schreiben.
Da bin ich schon in Gedanken bei der Zukunft. Was wird diese wohl bringen?


Nachwort

In meinem ersten Buch habe ich um Zugabe an Lebensjahren gebeten. Dabei bleibe ich. Egal wie es kommt. Das Leben ist schön. - So war es, so ist es. Ein Leben, wie viele Leben sind. Oder doch nicht? Ein Mosaik mit vielen bunten Steinen. Etwas ungewöhnlich. Zum Glück ein Leben ohne einen neuen Krieg. Ein Leben in einer Demokratie. Dafür gilt es, danke zu sagen.

Völliges Unverständnis habe ich für Menschen, die sich zu Nichtwählern entwickelt haben. Die sind nicht klar im Kopf. Merken sie nicht das dadurch kleine radikale Gruppen, oder Unfähige, in die Parlamente einziehen? Da kämpfen in anderen Ländern Menschen für die Demokratie und in Deutschland verzichten Bürger auf ihre demokratischen Rechte. Ist ihnen wirklich alles egal? Ich will es nicht glauben.


Eine Probe von 7 aus 25 Geschichten. Mehr davon?
Dann gerne das komplette Buch.