Leseprobe Hi geschüttelt und gerührt


Satirecocktail

Greifen Sie einmal nur zwei Punkte heraus. Beispiel Arztpraxen oder Krankenhäuser. An den Wänden, ferner überall dort, wo sich freie Flächen für einen Spruch ergeben. Da steht er, der Spruch: "Der Mensch im Mittelpunkt". Sie kommen in eine Arztpraxis. Sie haben einen Termin. Trotzdem die Wartezeit wird immer länger. Andere, die nach Ihnen kamen, sind viel schneller dran. Ist doch klar, sie selbst sind gesetzlich krankenversichert.

Noch schlimmer, wie mir selber passiert. Ein Rettungswagen lieferte mich in ein Krankenhaus ein. Mir ging es so elend das Ich nicht an meine private Zusatzversicherung dachte. Werde intensiv versorgt und nach ein paar Tagen in ein Dreibettzimmer geschoben. Da fällt mir die Versicherungskarte meiner Zusatzversicherung ein. Diese Karte gebe ich der netten Oberschwester in die Hand. In diesem Moment hatte ich einen grö฿eren gsbedarf ausgelöst. 20 Minuten später lag ich in einem Einzelzimmer. Dann lernte ich in wenigen Minuten das ganze Pflegepersonal der Station kennen. Doch das war nicht alles. Plötzlich stand auch der Chefarzt an meinem Bett. Dann kam auch noch der Oberarzt dazu. Mit Fachbegriffen wurde ich überhäuft. Da ich offenbar zu blöde Fragen stellte, kam auch noch ein besonderer Facharzt für die Gefäße hinzu. Kurze Zeit später auch noch ein Assistenzarzt. Als Letzte kam dann noch eine Anästhesisten an mein Bett. Mein Krankenzimmer hatte sich zum Konferenzzimmer für Ärzte gemausert. Endlich begriff ich, man würde zur Sicherheit am nächsten Tag einen Eingriff vornehmen. Wir wollen auf der sicheren Seite sein. So die Begründung. Ach war das schön. Ich war der Mittelpunkt unter den Ärzten. So wie der Spruch in der Empfangshalle geschrieben steht. Wie sehr, das drückte sich in der Rechnung aus, die ich vier Wochen nach meiner Entlassung erhielt. Noch Fragen? Die Zusatzversicherung zahlte.

Es gibt einen anderen Bereich, wo gerne von der Mitte gesprochen wird. Die Politiker sind das Sprachrohr. Wir sind die Mitte, wir wollen die Mitte. Wir müssen an die Mitte denken. Bloß, wo ist im normalen Lebenskampf des Bürgers seine Mitte? Da wo man mit seinem Einkommen auch das Auskommen hat? Oder wo für das Kind der Alleinstehenden Frau ein Krippenplatz frei ist? Wo für eine Familie alle Voraussetzungen erfüllt sind, um glücklich zu sein? Vielleicht auch da, wo ein Rentner nicht über Altersarmut zu klagen hat? Kann es auch bei den Pflegebedürftigen sein, wo die Finanzmittel zur Versorgung nicht ausreichen? Oder in dem Bereich, wo Bildung und Ausbildung nicht vom Geldbeutel der Eltern abhängig sind? Wenn dazu noch eine einfache übersichtliche Steuergerechtigkeit kommen würde, nicht auszudenken. Das könnte die Mitte sein.

Wenn heute noch ein Politiker glaubt, diese Mitte nur mit leeren Versprechungen erreichen zu können, dann ist er schief gewickelt. Die Mitte ist in unserem reichen Land so nah, das sie wahrscheinlich immer übersehen wird. So muss es sein, wenn nicht, müssten ja die Politiker blind durch die Gegend tapsen. Das wollen wir doch nicht annehmen. Oder? Der Mensch ist der Mittelpunkt. Schön wäre es. Doch leider wird in allen Handlungen immer von einer unterschiedlichen Basis ausgegangen. Deshalb lässt sich die Mitte für alle gleich, nicht finden. Aber es ist mit dem Spruch doch wohl auch die Menschlichkeit in der Gesellschaft gemeint. Also ist menschlich sein sehr wichtig. Doch das wird von vielen nicht begriffen. Sie jedoch wissen, was gemeint ist. Klar?